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Madeira Island Ultratrail vom 10.04. - 11.04.2015 - 115 km und 6800 Höhenmeter - Laufbericht von Thomas Eller

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Madeira Island Ultratrail 2015

Thomas im Bergnebel beim Madeira Island Ultratrail 2015

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Madeira Island Ultratrail vom 10.04. - 11.04.2015

Früher hatte ich oft den Wunsch, eine „perfekte Insel“ zu bauen. Sie sollte vor allem warm sein, also im Süden liegen, aber nicht allzu heiß sein, also nicht allzu südlich. Sie sollte viel Wasser haben und das würde ich mit Kanälen überall hin verteilen. Auch dadurch wäre diese Insel grün mit vielen Bäumen und Blumen. Diese Insel sollte aber vor allem bergig sein, so, dass man eben Trailrunning betreiben kann.
Jetzt glaube ich, diese Insel nicht mehr bauen zu müssen, ich habe sie gefunden: Madeira.

Madeira ist portugiesisch und liegt 900 Kilometer von Portugal und 600 Kilometer von der marokkanischen Küste entfernt. Wasserfälle und Bäche gibt es zu Hauf und die Kanäle, die das Wasser überall hin verteilen, heißen Levadas und sie sind allesamt belaufbar. Es sind die wirklich wenigen flachen Abschnitte, alle anderen Wege sind steil, noch steiler oder, wie die Bayern sagen würden „sakrisch steil“. Und nicht zuletzt diese Levadas und der endemische Laurissilva Wald verschafften Madeira einen Platz in der UNESCO World Natural Heritage Liste.
Die ideale Insel also für mich und für den MIUT, den Madeira Island Ultra Trail, ein Bewerb, von dem ich schon viel gehört hatte, aber besuchen durfte ich ihn bisher noch nie.

Schon das Studium der Ausschreibung zeigte, dass vier Distanzen angeboten wurden, zwei Ultras, den MIUT 115 und den Ultra 85, zudem zwei Trails unterhalb der Marathongrenze, der Trail 40 und, vor allem für Einsteiger, der Trail 17. Ich entschied mich wie immer für die längste Strecke, obwohl ich heute einräumen muss, dass der Ultra 85 auch eine schöne und wertige Alternative gewesen wäre.
Enden tun alle Strecken am gleichen Punkt, gelaufen wird also immer auf der gleichen Strecke, nur der Beginn ist, je nach Distanz, unterschiedlich. Beim MIUT 115 durchläufst Du die gesamte Insel von Nordwesten nach Südosten, von Port Moniz nach Machico, von Küste zu Küste und Du bewältigst dabei 6.800 Höhenmeter rauf und wieder runter. Schöne, harte und wirklich echte 6.800 Höhenmeter.

Madeira Island Ultratrail 2015

Was Du für Dein moderat gehaltenes Startgeld bekommst ist ein Event, das nicht nur deshalb ein „must have“ in jeder Laufagenda ist, weil es Teil der „Serie“, Teil der „Ultra Trail World Tour“ ist, sondern weil es Dich bis zu Deiner physischen Grenze fordert, Dich in wunderschöne Landschaften führt, das Dich Treppen lieben oder hassen lässt und bei dem Du Ausblicke hast, wie sie so zauberhaft selten sind.
Im Starterbeutel findest Du ein Startershirt, die Teilnahme an der Pasta-Party, deren Qualität zum Besten gehört, was ich jemals als Pasta-Party erlebt habe und die Transporte von Dir vom Ziel zum Start und von Deinen Drop-Bags. Üppig viel Leistung also, von einem riesigen Team höchst engagierter und motivierter Menschen dargebracht.

Madeira Island Ultratrail 2015



Der Start des MIUT war Samstagmorgen um 0.00. Ich reihte mich weit hinten ein, weil mir die große Zahl an DNFs in den letzten Jahren zu denken gegeben hat. Als eher durchschnittlicher Trailrunner hatte ich mir die Zeiten 8.00 Uhr beim Start des Ultra 85, 15.00 Uhr beim Drop-Bag K 60, 20.00 beim Start des Trail 40 und 2.00 Uhr beim Start des Trail 17 stets im Kopf.
Es war ein riesiges Erlebnis, die lange Schlange von roten Rücklichtern vor mir zu sehen und es ging auch gleich stramm nach oben. 350 Höhenmeter waren zu bewältigen und die ging es danach auch gleich wieder runter.

Ich hatte mich entschieden, mit meinem Freund Eric zu starten, damit wir uns beide etwas zügeln und uns nicht von der Anfangseuphorie anstecken lassen würden.

Madeira Island Ultratrail 2015

Der Start um MItternacht

Madeira Island Ultratrail 2015

Dann ging es 1.100 Meter hoch, den ersten der vier wirklich langen und scheinbar unendlichen Anstiege. Dabei wurde dieser Anstieg auf ca. 850 Metern Höhe durch eine lange Passage unterbrochen, in der flach neben verschiedenen Levadas gelaufen wurde. In der Nacht, nah am Vordermann und nah am Hintermann, einigermaßen schnell gelaufen, musst Du Dir da schon im Klaren sein, wo Du Deine Füße hinsetzt. Nasse Füße sind da noch das Harmloseste, was Du Dir holen kannst. Aber es ist ein einzigartiges Gefühl, diese Passagen zu laufen. Wir liefen da in einem Sechser-Zug hinter zwei Portugiesen und die beiden zogen uns einfach mit, vielleicht etwas schneller, als ich sonst gelaufen wäre. Beim anschließenden Berg rauf zum ersten von insgesamt 14 Kontroll- und Versorgungsstellen aber waren die beiden uns zu langsam.
Runter ging es und wieder rauf, wieder rund 1.100 Höhenmeter, alles war noch dunkel und ich bedauere sehr, dass man die Landschaft, die auch im Dunklen einen großartigen Eindruck machte, nicht im Hellen bewundern konnte.
Vielleicht aber auch nicht. Vor diesem Downhill runter zum CP2 hatte man uns im Briefing gewarnt: „… very technical!“ Gut, da kann man viel drunter verstehen. Aber er hatte es wirklich in sich, dieser Abstieg und dass im Tal schon wieder eine Verpflegung war hatte seinen Grund.

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Diesen zweiten Anstieg zum CP 3 in Estanquinhos auf 1.500 Metern Höhe war gleichzeitig auch der Start des Ultra 85. Eric und ich erreichten das Hochplateau davor kurz vor sieben Uhr, dem Start des anderen Bewerbs. Wir konnten die Musik hören und dann das runterzählen, bis es da los ging. Zu gerne hätte ich dort noch ein paar Lauffreunde gedrückt, ganze 5 Minuten fehlten uns jedoch dazu. Zum Trost konnte ich meine Sorge begraben, dort so durchzulaufen, dass uns wenig später all die Cracks auf dieser Strecke im Eilzugtempo überholen würden.
Hier wäre auch der erste Cut-Off gewesen.
Noch war es bitterkalt und wir machten nur eine ganz kurze Rast. Zitternd liefen wir wieder weiter, runter. Schon kurz danach konnten wir die Kopflichter löschen, die Sonne kam und mit ihr die Wärme. Und ein faszinierender Streckenabschnitt, der Zauberwald. Scheinbar abgestorbene Bäume, überwuchert mit Flechten, Levadas und Tunnel, die in die Felsen gehämmert waren, teilweise so lang, dass ich mir die Kopflichter wieder gewünscht hätte.
Es gibt kein schöneres Stück Land auf dieser Erde, dachte ich und ich bremste Eric, weil ich unbedingt alle fünfzig Meter fotografieren wollte, nein, musste.
Wie kann man, dachte ich, auf Madeira sein und diesen Teil der Insel nicht besichtigen, nur, weil da keine Straße hinführt?

Aber solche Gedanken würden ja zu weit führen und wieder unten beim nächsten, dem vierten, CP, wollte ich wieder schnell weiter. Nicht wegen der Kälte, mittlerweile war es warm und hell, aber ich wusste, dass nun der längste Anstieg kommen würde und ich dachte mir, dass mir die 50 Minuten Puffer, die wir vor dem Cut-Off hatten, zu knapp schienen.
Eric aber wollte noch bleiben und ab dann lief ich alleine weiter.
 

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015 Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Ab dann wurde es einfacher und nach einem Downhill runter zum CP 6, zum zweiten Cut-Off, zum Drop-Bag, zu einer Dose Energy-Drink für sofort und zwei Dosen zum Mitnehmen für die Nacht, rüstete ich mich für den bis dahin schwersten Teil der Strecke, rauf auf den Pico Ruivo und rüber zum Pico do Areeiro, dem höchsten Punkt der Insel.
Dabei begann es heiß auf der Straße, aber dann folgte eine Trail-Passage, eine Wasserpipeline entlang, und die war „steil hoch zehn“, wie man so schön sagt. Unglaublich brutal, ich wurde immer langsamer und sah meinen Zeitpuffer schmelzen, obwohl mich nur ein Läufer dort überholen konnte. So schlecht kann ich also da doch nicht gewesen sein.
Aber Gnade vor Recht, dachten sich wohl die Macher des Trails und nach einigen Hundert Höhenmetern erlöste man uns von diesem senkrecht auf den Berg Trail, um nach rechts abzubiegen. Dieser Teil mit schroff in die Steine eingehauenen Stufen wäre noch länger weiter gegangen, zum Glück aber eben nicht für uns.

Der Pico Ruivo war dann recht leicht erreicht und der Pico do Areeiro, kaum höher als der Pico Ruivo, konnte auch nicht schwer zu erreichen sein. Einen Konteranstieg sah ich im Profil, aber nur vielleicht 100 Höhenmeter lang.
Was nun aber wirklich folgte, war eine Mischung aus ungläubigem Staunen über die Härte der Strecke und aufkeimender Begeisterung über die Faszination dieser insgesamt wahrscheinlich schönsten fünf Kilometer des MIUT 115 und des Ultra 85. Es ging über in die Felsen eingebohrte Treppen, durch dunkle Tunnel, über kniehohe, wieder aufwändig in den Fels gehauene Stufen, rauf und runter und ich war vor allem froh, dass ich für diesen Abschnitt einen neuen Laufpartner gefunden hatte, einen Portugiesen, der auch einige Worte Englisch reden konnte.
In diesem Streckenabschnitt wusste ich nicht, ob ich mir wünschen solle, dass das endlich zu Ende sei, weil die Muskeln immer mehr verhärteten oder ob ich mir wünschen sollte, dass dieser Abschnitt niemals enden würde. Ich hätte die Felsen, die Leitern und Treppen, die Steinstufen, meinen neuen Laufpartner und die Tunnels küssen wollen, ich schwebte auf „Wolke 7“. Trotz des Schwebens mussten meine Oberschenkel unglaublich harte Arbeit verrichten und sie wurden immer saurer.
 

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Auf dem Pico do Areeiro, dem Startpunkt des Trail 40, war dann erst einmal die Schönheit der Strecke vorbei und ich bedauerte zutiefst die Läufer des Trail 40, dass sie diesen vorherigen Abschnitt nicht mitbekommen hatten. Wenn Du jemals auf Madeira laufen willst, dann nimm einen der beiden längeren Bewerbe, verpasse nicht diesen Traumpfad zwischen diesen beiden Gipfeln!
Von nun an ging es fast nur noch runter und insgesamt kamen nur noch 600 Höhenmeter dazu.
Der Trail verlief über eine Wiese, sehr alpin, man hätte sich denken können, in der schönen Schweiz zu sein. Nett, aber nach so einem landschaftlichen Highlight eben nicht mehr als nett. Beim letzten Berg, der eben einen Großteil dieser 600 Höhenmeter einnahm, sagte mein portugiesischer Freund „ultimo“, der letzte große Anstieg, es wurde nun auch wieder dunkel.
Ich hatte ja am Freitag vor dem Start leider nicht schlafen können, ich war viel zu aufgedreht und mit zunehmender Dunkelheit wurde es auch dunkel in meinem Oberstübchen und ich begann, zu wanken, langsamer zu werden und musste immer wieder aussetzen und meinen schweren Kopf auf die Stöcke stützen. Es war Zeit zu schlafen.
Das aber wollte ich nicht tun, bevor ich nicht den Startplatz des Trail 17 erreicht hatte, den letzten Cut-Off. Eingelaufen dort bin ich gut 90 Minuten vor dem Cut-Off, ich legte mich hin, ich bekam eine wärmende Decke und einen „wake up call“ nach 30 Minuten.

30 Minuten, die mir mehr als gut taten. Ich konnte wieder laufen! Und weil ich mir ja vorher ausgerechnet hatte, dass die Verantwortlichen des Trails den Einsteigern eine eher leichte Kost zu laufen geben würden und dass die sechs Stunden, die man für diese lächerlichen 17 Kilometer eingeplant hätte, mehr als üppig waren, ging ich davon aus, um 3.30 Uhr einlaufen zu können.
Es begann auch sehr lange sehr einfach. Das Gefälle war sehr moderat, die Strecke breit und eben, eine Autobahn gewissermaßen. Aber dann kam doch noch ein Streckenabschnitt, insgesamt 6 lange Kilometer lang, der zumindest am Anfang in die Kategorie „Mist, wo bin ich hier?“ gepasst hätte.
Steil und erdig wie eine Woche zuvor beim BVG-Trail, aber eben um ein Vielfaches länger. Der letzte Abstieg vor Trient beim UTMB hat auch so eine Qualität, aber auch da ist der Abschnitt sehr kurz. Der hier auf Madeira wollte scheinbar nicht mehr enden.
Aber dann, etwa auf der Höhe von 250 Metern, endete er doch und wir liefen noch einige Kilometer Levadas, gut und neu betoniert. Ich lief, ich ging, ich lief und ich überholte noch viele, die am Ende ihrer Kräfte waren. Darunter waren auch viele, die mich Stunden zuvor überholt hatten. Der MIUT hatte ihnen die letzten Kräfte geraubt und viele entschieden sich, ab einem gewissen Punkt nur noch zu wandern.
Eine steile Wiese hinab, eine Treppe hinunter, die beleuchtete Stadt Machico im Blick, ging es auf eine Straße. Eine der unglaublich vielen Helferinnen sagte, dass ich jetzt fast da wäre, die Straße entlang, runter auf die Promenade. Vor mir lag noch die Fußgängerbrücke, die ich beschloss, beim Anstieg zu bewandern, um wieder Fahrt aufzunehmen, die Mundwinkel hoch zu ziehen, ein Lächeln aufzusetzen, die linke Hand in den nächtlichen Himmel zu strecken und zum Finale einzulaufen.
 

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015 Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

 

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Es flossen nur sehr wenig Tränen bei mir, aber ich war froh, um 4 Uhr 4 eingelaufen zu sein. Über drei Stunden, 3 Stunden und 14 Minuten, um genau zu sein, für diese letzten 17 Kilometer, 28 Stunden und 4 Minuten für den MIUT 115.
Platz 201 war das dann bei den Herren, wahrlich keine Sensation, wenn man die Finisher-Liste ansieht. Nimmt man aber die dazu, die es gar nicht geschafft haben, dann bin ich mit meiner Leistung in diesen 28 Stunden doch sehr zufrieden.

Es gab noch ein sehr spätes Abendessen im Zelt und am nächsten Tag einen Schatz, der bei mir einen Stellenwert haben wird wie meine UTMB-Weste: die MIUT 115 Weste, auch in einem kräftigem Rotton. Für die würde ich glatt noch einmal laufen, jetzt, heute und sofort.

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015 Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Madeira Island Ultratrail 2015

Zum Abschluss fuhr ich noch in mein Hotel zurück, in das wunderschöne GaloResort. So viele neue Freunde hatte ich dort getroffen und die beiden Tage danach beschreibt ein Satz von Matthias wohl am besten. Er sagte, dass er früher in den Discos immer bis in die Puppen geblieben wäre, bei einem Frühstück aber so lange zu sitzen und zu quatschen wie im GaloResort, eben bis wir die letzten Gäste waren, das Licht gelöscht wurde und die Vorbereitungen für das Mittagsmahl begannen, das hätte er noch nie erlebt.

Ich auch nicht. Und auch noch nicht so einen Trail auf so einer malerischen Insel.
Und ich bin froh, von nun an keine Gedanken mehr an den Bau der „perfekten Insel“ verschwenden zu müssen. Wenn ich die sehen will, dann fliege ich einfach wieder nach Madeira.
Und wenn ich morgen das Hotel und die Insel verlassen muss und im Flieger über der Insel schwebe, dann werde ich an diese Insel denken, an die Menschen darauf und an dieses großartige Event und ich werde denken: „Ich habe mich in diesen Tagen verändert, Ihr habt mich verändert. Vielen Dank dafür!“

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